Warum du dir die Vienna Tattoo Convention sparen kannst

Warum du dir die Vienna Tattoo Convention sparen kannst

Die Ankündigungen für die Vienna Tattoo Convention waren schon fast atemberaubend: 50 Tätowierer aus mehreren Ländern, die „Tattoo-Weltstars“ Boris & Sean Vasquez sollten ihre Künste präsentieren und nicht zuletzt "tolle" Show-Programme: beispielsweise die Wahl der „Miss Tattoo 2017“, ein Auftritt des Künstlers „The real Money Boy“, eine Classic-Burlesque-Show mit Madeleine de Sade oder auch „Poledance-Akrobatik“.

Wir konnten nicht widerstehen und gingen am Wochenende hin, zu dem Spektakel. Die Vienna Tattoo Convention 2017 fand im Arcotel Wimberger bei der U6 Station Burggasse statt. 
Ich kannte das Arcotel bisher nur vom Vorbeifahren und Wegschauen. Es ist der Klotz am Gürtel mit dieser merkwürdig gelben Fassade und so türkisen Metallgebilden. Das war 1994, als man Wien mit dem Ding beglückt hatte, vermutlich sehr modern. Wenn man heute, 24 Jahre nach der Errichtung davor steht, blickt man mit Tränen in den Augen auf die umliegenden Jahrhundertwende-Bauten. Die alten Bauten haben zeitlosen Charme. Das Arcotel hingehen ist kaum anzusehen. Aber ich war nicht gekommen, um mich über die Ästhetik der 90-iger zu wundern, sondern freute mich auf die Convention.

Bereits von der anderen Straßenseite war eine Traube an dunkel gekleideten Menschen vor dem Eingang des Hotels zu sehen. Hier waren wir richtig. Man hatte also dunkle "Grufti"-Kleidung an, weil man erwartete, seine Haut gleich bunt anmalen zu lassen. Cool, fürs nächste Mal was dazugelernt.

Das Arcotel war im Inneren leider nicht anders, als es von Außen wirkte. Architektonisch besonders interessant durchdacht, hatte man alle Fenster mit einer Folie überzogen. Tageslicht konnte kaum ins Innere des Hotels durchdringen. Alle Böden waren mit einem rötlichen Teppich bezogen. Die meisten Wände wurden mit einem dunklen kack-braunen Holz verkleidet. Ich muss gestehen, es passte alles gut zusammen: die 25 Jahre alte Holzverkleidung, der Stoff, die Dunkelheit. In Summe ein "Shining"-Hotel-Charme - so richtig zum Unwohl-Fühlen. Unsere Jacken gaben wir bei der Garderobe ab und stellen uns in die Schlange, um den Eintritt zu bezahlen. 12 € kostete das Tagesticket. Ich dachte zu dem Zeitpunkt noch, dass ist ja eigentlich ein Schnäppchen für das angekündigte Programm. Nachdem uns Armband und ein Programm ausgehändigt worden waren und unsere Erwartung kaum mehr auszuhalten war, ging's endlich los. 

Wir gingen an den freundlichen Securitys in die "Halle". Begrüßt wurden wir dort von einer Frau mittleren Alters im Korsett, welche die Zeitschrift "sexmagazin.at" und einen dazu passenden  Goodie-Beutel verteilte. Bei näherer Untersuchung der Geschenke waren es kleine Proben von Gleitmitteln und Gummibeeren. Ich war etwas irritiert. Denn ich hatte etwas so Kunststuff oder etwas Hipstermäßiges beim Eintreten erwartet. Bis jetzt, wo ich diese Zusammenfassung schreibe, kann ich keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Gleitcreme und der Tattoo-Convention entdecken. Wie auch immer, jedenfalls begann alles damit, dass wir uns mit Gleitmittel ausgestattet auf den Weg machten.

"Spritze immer in beide Löcher" stand auf der Packung der Gummibeeren. Gestärkt mit so viel Weisheit machten wir uns auf den Weg und schlenderten die Tattoo-Stände entlang. Man hatte Biertische und Klappsessel aufgestellt. Damit die 3x3 m2 zugewiesener Raum auch wirklich anlockend aussahen, dekorierte scheinbar jeder Tätowierer seine Koje auf möglichst individuelle Weise. Es wurden also Fotos und Plastik-Transparente leicht schief aufgehängt. Auf den Tischen lagen stark abgegriffene Bücher gefüllt mit möglichen Tattoo-Motiven zur Ansicht bereit. Kein Stand passte zum anderen und alles wirkte sehr zusammengeschustert. Nach sehr viel Schauen beendeten wir unserer Rundenziehen bei der großen Hauptbühne. 

P1110862.jpg

Dort startete, laut Programm, in wenigen Minuten eine „Poledance-Akrobatik“-Show. Bereits beim Anblick der Bühne war ich etwas verschreckt. Zwischen 90er Jahren Vorhänge hatte man eine selbstgebastelte Beamer-Wand gestellt. Darauf wurde eine Slideshow projiziert: Verwackelte Handyfotos von Menschen mit Tattoos. Mir war nicht ganz klar, was damit ausgesagt werden sollte. Ausgesehen hat es jedenfalls sehr armselig. An den Bühnenseiten standen Boxen, aus denen Musik knallte. Ganz vorne in der Mitte der Bühne hatte man eine Pole-Tanz-Stange platziert. Ein sehr bemühter Moderator kündigte dann auch gleich die Poledance-Show an. Etwas verzweifelt versuchte er das Publikum, das mit uns aus fünf Leuten bestand, zu ein kräftigen Applaus zu animieren. Dann passierte es auch. Ein Mädchen in Minirock kam auf die Bühne und tat sichtlich angewidert von der Situation ihre Pflicht. Ein Lied lang machte sie ihre Turnübungen an der Stange. Als die Musik endlich vorbei war, applaudierte ich und war froh, dass ich dem armen Mädchen nicht länger zusehen musste. Da ich kein Poledance-Show-Experte bin, traue mich nicht zu sagen, ob das Fehlen von Glamour und Ästhetik immer ein wesentlicher Bestandteil eines solchen Zeitvertreibs ist. Wir jedenfalls entschieden dafür, noch im oberen Stock auf Entdeckungsreise zu gehen. Im oberen Bereich, der so eine Art Galerie war, von der aus wir das Treiben unten beobachten konnten, passierte nicht all zu viel. Es gab auch ein paar Biertische, hinter denen Tätowierter am Handy spielten oder am Laptop zeichneten. Nach wenigen Minuten hatten wir alles gesehen. An einem Biertisch sammelte sich eine kleine Gruppe von Kindern. Hier bot eine Tätowiererin an, auf einer Kunsthaut selbst ein Motiv zu tätowieren. Wie die Kinder war auch ich davon begeistert, schnappte mir ein Stück hat und übte mich in der hohen Kunst der Körperbemalung.  

P1110913.jpg

Fazit

Ich fühlte mich wie auf einer Kellerparty eines Jugendlichen, dessen Eltern übers Wochenende verreist waren. Viel wirkte selbstgebastelt, wild zusammengewürfelt und merkwürdig dekoriert. Ich war die meiste Zeit verwundert und fragte mich, was wohl die anderen Besucher und ausländischen Star-Gäste der Vienna Tattoo Convention über das hier Gesehene erzählen werden. Einen neuerlichen Besuch werde ich mir sparen.

 

Kontakt und Öffnungszeiten

Vienna Tatoo Convention
Arcotel Wien
Neubauguertel 34-36, Wien 1070, Österreich

Waldemars Tagesbar

Waldemars Tagesbar

Burger Bros im Bermuda Dreieck

Burger Bros im Bermuda Dreieck